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Die Kirche und die Synagoge (30–313 n. Chr.). Am Scheideweg

Zusammenfassung: Kościół i Synagoga (30-313 po Chr.). Na rozdrożu, Chronicon, Wrocław 2016, pp. 633-648.

In der vorliegenden Bearbeitung versuchte man die Dynamik der christlich-jüdischen Beziehungen in den ersten drei Jahrhunderten der Existenz der Kirche anzunähern, wobei man vor allem historische und theologische Faktoren berücksichtigt hat (aber nicht nur), die diese Beziehungen beeinflusst haben und die letztendlich zur Entstehung von zwei Religionen geführt haben. Religionen, die nebeneinander fungieren, in verschiedenen Aspekten stets miteinander verbunden sind, und dies prinzipiell aus diesem Grund, dass ihnen der biblische Judaismus zugrunde liegt. Die allgemeinen Schlussfolgerungen, die man aus den durchgeführten Analysen ziehen kann, lassen sich folgend auffassen:

(1) Die allgemein in der Forschungsliteratur, besonders in historiografischen und theologischen Bearbeitungen angewandten Begriffe „Judaismus und Christentum” sowie „Kirche und Synagoge” sollen viel klarer formuliert werden. Diese Termine werden gewöhnlich mit dem Hinweis auf den Kontrast, oder sogar auf die Gegenüberstellung von diesen beiden Religionsgemeinschaften verwendet. Bis zum Ende des 1. Jh.s gehörten jedoch die judenchristlichen Mitglieder der Kirche immer noch der Synagoge an (manche haben sogar noch im 4. Jh. an der Sabbatfeier teilgenommen), und das Christentum wurde in mehreren Regionen als eine der Strömungen des Judaismus betrachtet. Bis zum Ausbruch des ersten jüdischen Krieges im Jahr 66 n. Chr. haben die Christen (die nota bene sich selbst auf diese Weise im Kontext der Beziehungen mit Judaismus nicht beschrieben haben, höchstens – und dies sehr selten – zur Betonung ihres Angehörens zu Christi im heidnischen Milieu, z.B. in Antiochien benutzt haben) neben den Pharisäern, Essener oder Sadduzäern existiert.

Den Niedergang des Tempels haben grundlegend zwei Strömungen überstanden: Pharisäer und jüdische Bekenner Christi. Der Prozess der Entfernung dieser beiden Strömungen von einander wurde intensiver, bis es zur Trennung der beiden Religionsgemeinschaften und zur Entstehung von zwei separaten Religionen, dem rabbinischen Judaismus und dem Christentum, gekommen ist. Es geschah in Palästina am Anfang des 2. Jh.s und erst von diesem Zeitpunkt an ist es berechtigt, von der Kirche und von der Synagoge oder vom Christentum und vom Judaismus in gegensätzlichen, aber nicht disjunktiven Kategorien zu sprechen. Früher kam es zu dieser Trennung in Rom und in westlichen Provinzen des römischen Imperiums, dagegen später auf dem Gebiet von Syrien und in den östlich von der Heimat Jesu gelegenen Regionen.

(2) Eine solche Präzisierung gebraucht auch die technische Bezeichnung parting of the ways, die verschieden übersetzt wird („Auseinandergehen”, „Weggehen” der Kirche von der Synagoge oder „Weggehen” der Synagoge von der Kirche, aufgefasst als Fortsetzung des biblischen Judaismus, „Spaltung” zwischen Judaismus und Christentum, „Trennung” u.ä.). Diese Bezeichnung weist auf den einfachen Prozess hin, infolge dessen aus dem biblischen Judaismus zwei Religionen entstanden sind: das Christentum und der rabbinische Judaismus (in dieser chronologischen Reihenfolge). Mit anderen Worten, aus einem „Weg” sind zwei verschiedene entstanden. Obwohl man eine solche Auffassung nicht als falsch ablehnen darf, muss man sich dessen bewusst werden, dass der Judaismus und das Christentum des 1. Jh.s keinen einheitlichen Weg gingen. Neben den in Lehrbüchern genannten traditionellen Gruppierungen (Pharisäismus, Sadduzäismus, Essenismus, Zelotismus mit der radikalen Gruppierung der Sikarier, Herodianer, Schriftgelehrten, Anhänger Johannis des Täufers, manchmal als Baptisten bezeichnet, ägyptische Therapeuten, eventuell Samaritaner als Erben der Religion von Mose) gab es im Judaismus auch eine Strömung, die mit der apokalyptischen Literatur verbunden war, eine mystische Strömung sowie gewöhnliche am-haarec, also das Recht nicht kennende Hirten und die ärmste Bevölkerung von Palästina. Dazu soll man noch verschiedene Formen des Judaismus in der Diaspora (etwa die Therapeuten aus Ägypten) berücksichtigen. Daher sprechen mehrere Autoren lieber von „Judaismen” im 1. Jh. Es gab nämlich sehr verschiedene, oft sehr von einander entfernte Wege des Praktizierens von Judaismus.

Daraus sind zwei als getrennte Religionen entstanden: Christentum und rabbinischer Judaismus. Mehr noch, die beiden haben eben den „Weg”, also die Art und Weise der Kultivierung der Beziehung zu Gott betont, und die beiden haben sich selbst als den „Weg“ betrachtet. Die Rabbiner haben halacha, also den „Weg” der Auslegung und Anwendung des Rechtes im Alltag entwickelt. Ähnlich wurde auch das Christentum als der „Weg” (Apg 9,2) bezeichnet, und Christus selbst deklariert auch, dass Er der zum Gott führende „Weg” ist (Joh 14,6). Mehr noch, da der Prozess von der Herausbildung dieser beiden religiösen Gemeinschaften an verschiedenen Orten in verschiedenen Perioden vorging und mit unterschiedlichen Faktoren bedingt wurde, möchten viele Autoren von partings (im Plural), also von den „Trennungen” des Judaismus und des Christentums sprechen. Eine immer noch zu ergründende Frage ist auch Vielschichtigkeit des Bildes vom Christentum, das doch im ganzen römischen Kaisertum der ersten drei Jahrhunderte nicht gleich war. Neben Judenchristen und Ethnochristen sind solche Gemeinschaften entstanden wie Ebioniten, Elkesaiten oder Nazarener. Als Christen wollten sich auch die Bekenner von Marcion oder Montanus bezeichnen, die aus der Gemeinschaft der Kirche ausgeschlossen wurden, was jedoch nicht bedeutet, dass die Juden in ihnen nicht mehr Christen gesehen haben. Daher gibt es unter den Meinungen zu verschiedenen Bildern der Kirche in den ersten Jahrhunderten auch solche wie die Ansicht von R. Kraft, der von „Christentümern” und nicht vom Christentum dieser Zeit sprechen will. Jedenfalls ist es klar, dass eine einfache Anschaulichkeit von dem Zerreißen von einem Leinen des Judaismus in zwei Teile (etwa wie das Zerreißen des Vorhangs im Tempel während des Todes von Jesu) als Ausdruck von diesem sehr komplizierten Prozess von der Herausbildung von zwei Religionen nicht angemessen ist.

Der Prozess von der Gestaltung des rabbinischen Judaismus und des Christentums als zwei getrennte Religionen bezieht sich grundsätzlich auf die Judenchristen. Es wäre schwer von der „Trennung der Wege” der Ethnochristen und der Juden, die keine Christen waren, zu sprechen, einfach weil diese Wege nie gemeinsam verliefen. Sogar die meist hellenisierten Juden der Diaspora (wie Philon von Alexandria) gehörten zu jüdischen Gemeinschaften, die sich zum Sabbat in ihren Synagogen versammelten und für ihre Identität als diejenigen, die sich von den „Griechen“ unterscheiden, bewusst sorgten. Die Heiden, die als „Gottesfürchtende” bezeichnet wurden, durften nicht voll und ganz am Leben der jüdischen Gemeinschaften teilnehmen, bevor sie Proselyten geworden sind. Andererseits bezeugt keine Quelle die Anwesenheit von mindestens einer Gemeinschaft der an Christi nicht glaubenden Juden, die mit offenen Armen Ethnochristen aufnehmen würde, besonders wenn diejenigen auf das Zeichen der Beschneidung verzichtet haben. Es gab also keinen Bedarf nach der „Trennung der Wege” von Heidenchristen (Christen heidnischer Herkunft) und von den an Christi nicht glaubenden Juden.

Die inneren Spannungen in der religiösen Gemeinschaft waren vor allem bei jüdischen Bekennern Christi spürbar. Sie waren diejenigen, die entscheiden mussten, ob sie sich den Gemeinschaften anschließen, in den eine immer größere Gruppe die Ethnochristen gebildet haben, oder ob sie versuchen, innerhalb von jüdischen Gemeinschaften zu bleiben, die Christus nicht anerkannt haben, oder auch sich anstrengen, um eigene religiöse Strukturen zu bilden, die nur Judenchristen versammeln würden. Die erste Möglichkeit, in den Schriften des Neuen Testaments am häufigsten bestätigt, war im Laufe der Zeit mit dem Verlust der eigenen jüdischen Identität durch die an Christus glaubenden Juden verbunden. Die zweite Möglichkeit hat die Zeitprobe nicht überstanden: die an Christus glaubenden Juden wurden durch den offiziellen (rabbinischen) Judaismus als Abtrünnige erklärt und aus der Synagoge ausgeschlossen. Die Anhänger der dritten Möglichkeit, die die Gemeinschaften der Judenchristen gebildet haben (verwandt mit Ebioniten, Nazarener und Elkesaiten) mussten nach einem mittelbaren Status zwischen den Heidenchristen und den Juden suchen, die den Glauben an Christi als Heiler abgelehnt haben. Solche Gemeinschaften, wenn sie überhaupt vollständige religiöse Strukturen auszubilden vermochten, haben nicht lange überdauert.

(3) Der Prozess von der Trennung der Wege der Kirche und der Synagoge verlief gemäß dem Modell, das von Religionssoziologen sehr präzise geschildert wurde; es geht nämlich um den Prozess der Umbildung der reformatorischen Bewegung in eine weite religiöse Strömung, und dann in eine neue Religion. Neue Religionsbewegungen entstehen nicht in der Leere, sondern in einem bestimmten Milieu einer bestimmten Religion. Diese Bewegungen schöpfen reich aus der Tradition, Sitten und Überzeugungen dieser Religion, sie entstehen jedoch als Widerstand gegen manche Elemente davon. Die Absicht der Führer der Bewegungen von der religiösen Erneuerung ist nicht die Gründung einer neuen Religion, sondern das Reformieren der alten. Deren Ziel ist am häufigsten die Ablehnung gewisser religiöser Verdorbenheit, die jahrelang gewachsen ist, und Wiederkehr an die ursprüngliche Reinheit. Die reformatorischen Bewegungen entstehen also zwecks Umgestaltung der vorhandenen Religion und identifizieren sich selbst nicht mit einer neuen Religion.

Die neue religiöse Strömung wird von Soziologen als eine religiöse Fraktion bezeichnet, die im Laufe der Zeit in eine Sekte evolviert, um letztendlich eine neue Religion herauszubilden. Damit eine religiöse Fraktion in eine Sekte wandelt, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt werden. Im Fall von dem sich herausbildenden Christentum waren es: (a) Steigerung der sozialen und ideologischen (theologischen) Spannungen zwischen der Fraktion von Jesus und dem Rest der glaubenden Juden; diese Spannungen bezogen sich prinzipiell auf die Anerkennung der messianischen Sendung Jesu und Seiner Gottheit, auf das Befolgen des Rechtes, des Tempelkults und der Gebote betreffs der ritualen Reinheit; (b) Zustrom zur neuen Fraktion der Klassen oder sozialen Gruppen, die aus dem offiziellen Judaismus ausgeschlossen wurden (Samaritaner, Heiden); (c) Autodeklaration der Mitglieder der neuen religiösen Fraktion, dass eben sie mit dem Gottes Volk Israel identisch ist und dass sich die alttestamentlichen Versprechungen Gottes seinem Volk gegenüber auf sie beziehen; (d) Ersetzung der wichtigen religiösen Institutionen – in diesem Fall des Tempelkults – durch das Opfer Jesu Christi, das sich in der Eucharistie offenbart; (e) das wachsende Bewusstsein der eigenen Verschiedenheit von der „Religion-Mutter“ unter Mitgliedern der neuen religiösen Fraktion, die in der Teilung „wir” – „sie”, „Juden”, „ihre (Synagogen)” zum Ausdruck kommt; (f) Deklaration seitens der Vertreter der „Religion-Mutter“, dass die neue religiöse Fraktion für die ganze Religion nicht repräsentativ ist (z.B. birkat ha-minim). Die zunehmende Auswirkung von diesen Faktoren innerhalb der immer größeren Sekte führt zur Gründung der neuen Religion.

Die von Jesu eingeleitete religiöse Bewegung sollte die Bekenner des Judaismus auf das baldige Ankommen des Reiches Gottes vorbereiten. Weder zur Zeit Jesu, noch in der ersten Christengeneration schaffte sie, eine Sekte zu werden. Sie war eine Religionsbewegung innerhalb des Judaismus. Nach dem Tod Christi setzten die Jünger die Mission ihres Meisters fort und hofften, mit der Guten Nachricht an die Juden zu gelangen. Paulus verursachte einen gewissen Bruch zwischen den Juden aus der Diaspora und denjenigen, die Palästina bewohnten. Er hat die Notwendigkeit der Beschneidung für die Gläubigen Christi, die Speisegesetze von Kaschrut und manche andere Merkmale des jüdischen Lebens abgeschafft, die für Ethnochristen unverständlich waren. Sabbat hat er jedoch durch Sonntag nicht ersetzt, und er selbst ging auch in die Synagoge. Er hielt sich sein Leben lang für treuen Juden, indem er eine erneute Definierung der Nachkommenschaft von Abraham als diejenige vollzog, die dem Bund treu geblieben sind. Die Judenchristen, die das Evangelium in Judäa und Galiläa verkündeten, wollten ihren Mitbekennern bewusst machen, dass die Erlösung eine Tatsache geworden ist. Sie wollten nach wie vor eine Religionsbewegung bleiben. Was jedoch im Judaismus als Religionsbewegung begann, wurde im Laufe der Zeit eine weite religiöse Strömung, und dies wegen der Opposition im Judaismus selbst (darin auch im Judenchristentum). Infolge dessen ist es zur Entstehung einer getrennten Religion gekommen.

Die Religionsbewegung stößt sehr früh an Opponenten, besonders unter den mehr traditionellen und orthodoxen Führern der ehemaligen Religion. Das wurde auch dem entstehenden Christentum zuteil. Anfangs lässt dieser Konflikt die Befürworter der reformatorischen Bewegung ihrer Ziele präziser bewusst werden. Da jedoch die Religionsgewalt vorwiegend an der Seite der Anhänger der traditionellen Formen der Religiosität bleibt, kommt es mit der Zeit zum Abdrängen der Mitglieder der Bewegung außerhalb von dem hauptsächlichen Kreis der Religiosität, und letztendlich zur Herausbildung einer neuen Gruppe außerhalb der ursprünglichen Gemeinde, was Entstehung der neuen Religion nach sich zieht. Die Polarisierung der Ziele der beiden Gemeinschaften führt weitgehend zur Beschleunigung des Prozesses, der die Entstehung der neuen Religionsgemeinschaft zur Folge hat. Es scheint, dass dieses Modell seine Anwendung im Fall von Judenchristen findet, mindestens aus den mit hl. Paulus verbundenen Kreisen. Als die Verkündung der Guten Nachricht durch Apostel der Nationen von Juden abgelehnt wurde, stelle Paulus fest, dass Gott deren Herzen hart gemacht hat, und er hat seine Lehre an die Heiden gerichtet. Die Judenchristen, die die Lehre von Paulus aufgenommen haben, sind teilweise Opponenten von Paulus geworden, teilweise dagegen haben sie sich in den Gemeinschaften mit Ethnochristen vereinigt, die das jüdische Recht nicht befolgt haben. Der Nationenapostel musste die Einwohner von Rom und Galater dazu überreden, was in Antiochien am sichtbarsten geworden ist (Gal 2, 4–5), nämlich, dass die Christen jüdischer Herkunft das Recht nicht befolgen müssen. Der ganze Prozess, mit dem Ausschließen der Christen aus der Synagoge nach 90, führte zur Entstehung des Christentums als einer getrennten Religion.

In soziologischer Sicht geht der Moment, in dem eine religiöse Strömung neue Religion wird, der rationellen Begründung dieses Prozesses vor. Mit anderen Worten haben die Gläubigen Christi tatsächlich eine neue Religion gegründet, aber erst danach haben sie eine rationelle Begründung des Sachbestands konstruiert; diese Erklärung beruht selbstverständlich auf Prämissen, die Streitpunkte mit den Bekennern des Judaismus waren, welche Christus in der Zeit abgelehnt haben, als das Christentum nur eine reformatorische Bewegung im Rahmen des Judaismus war. Rationalisiert musste vor allem die Lage der Gemeinschaften von Ethnochristen werden, wo man begründen musste, warum ihre Mitglieder das jüdische Recht nicht ganz befolgen. Den Bestimmungen der Religionssoziologen gemäß soll jede Gruppe, die sich von der Hauptströmung der Religiosität trennt, ihre Vorgehensweise erklären. Diese Begründung hatte eine dreifache Form: denuntiatio – antithesis – re-interpretatio. Alle drei Bestandteile des rationellen Prozesses der Begründung der Separation von zwei Religionsgemeinschaften sind anwesend im Fall von der Kirche und der Synagoge, was am deutlichsten in der Korrespondenz des Paulus mit Römern und Galater zum Ausdruck kommt.

(4) Die Bücher des Neuen Testaments, als integraler Teil der christlichen Bibel, bilden auch die Sammlung der jüdischen Schriften. Dies erfolgt daraus, dass sie damals entstanden sind, als sich die Wege der Kirche und der Synagoge noch nicht definitiv getrennt haben, und außerdem daraus, dass deren Verfasser Juden waren, die an Jesus als Messias geglaubt haben. Eine Ausnahme ist Evangelist Lukas, aber auch er, nachdem er das Christentum aufgenommen hatte, ist Bekenner dieser Strömung von Judaismus geworden, die sich für Jesus ausgesprochen hat. Das Christentum ist eine getrennte Religion geworden, bevor das Evangelium von Lukas und die Apostelgeschichte das Licht der Welt erblickt haben. Das Neue Testament ist also Teil der jüdischen Literatur, was von den Juden selbst erst im übrigen Jahrhundert deutlicher bemerkt wurde. Man kann es nur im Lichte der jüdischen Traditionen und der Religiosität des Judaismus verstehen. Mehr noch, der Judaismus der ersten Jahrhunderte wird besser verständlich im Lichte der Schriften des Neuen Testaments.

In der entstehenden Kirche las man die Hebräische Bibel anders als es die (anderen) Bekenner des Judaismus getan haben. Man hat den Text auf eine neue Weise gelesen, und man muss sagen, dass es eine durchaus christologische Weise war. Sie wurde auch ein der Faktoren, der letztendlich zur Herausbildung von zwei getrennten Religionen geführt hat. Die Christen haben zwar die Interpretation von mehreren Fragmenten der Hebräischen Bibel von den Juden übernommen, die im Judaismus als messianisch gelesen wurden, aber sie haben ihnen andere hinzugefügt, in den die Juden keine messianischen Prophezeiungen bemerken konnten. In den beiden Gemeinschaften wurden neue Methoden der Bibelinterpretation herausgearbeitet. Viele von ihnen waren in beiden Gemeinschaften gleich, andere jedoch sehr verschieden. Die Juden gingen in der durch die Sieben Regel des Hillel gesetzten Richtung, welche von seinen Nachfolgern umgearbeitet und ergänzt wurden, dagegen in der Kirche wurde die allegorische Interpretation aus Alexandrien, neben der „wortwörtlichen“ Antiochener Schule, heimisch. Dieser neuen Bibellektüre ist in der Kirche die Theologie entsprungen, in Anlehnung an welche man die Liturgie gestaltete und aus der man die moralischen Grundregeln ableitete. Man war um die eigentümliche Uniformierung der Glaubensartikel und der ihnen entspringenden Handlungsweisen und liturgischen Normen bemüht. Anders war es im Fall von Judaismus. Man akzeptierte zwar die Autorität der Weisen und Lehrer, es wurde jedoch die Möglichkeit zugelassen, dass neben einander verschiedene, oft sogar von einander sehr abweichende Meinungen zu einem bestimmten Thema fungieren.

Wenn es um außerbiblische christliche und jüdische Literatur geht, sollte man bemerken, dass sich vom Anfang des 2. Jh.s in den beiden Gemeinschaften eine ganz verschiedene Weise der Übertragung religiöser Überzeugungen auf schriftliche Sprache gestaltet. Der rabbinische Judaismus erzeugt eigene Schriften, die man in einer fast chronologischen Reihenfolge nennen kann, etwa wie Mischna, Gemara, Tosefta und Talmud in den beiden Versionen, aber auch die gleichzeitig auftretenden Midraschim i Targumim. Das Christentum bildet den Ursprung für asketische, polemische und apologetische Werke. Gemeinsames Merkmal von diesen beiden Literaturen sind apokryphische Apokalypsen. Seit dem Ende des 2. Jh.s ist nicht nur der Inhalt der religiösen (andere gab es eigentlich in dieser Periode nicht) Bücher anders, sondern auch deren Form. Die Bekenner des Judaismus beharren bei den traditionellen Rollen (so ist es auch heutzutage in den Synagogen, wo man die Hebräische Bibel nur in Rollen lesen kann), dagegen die Christen greifen nach den in Anwendung bequemeren Kodexen, in den sie Abkürzungen der Namen der Heiligen anwenden (nomina sacra). Dieser Brauch war den jüdischen Autoren völlig fremd.

(5) Es besteht kein Zweifel daran, dass der rabbinische Judaismus und das Christentum als getrennte Religionen an verschiedenen Orten und in verschiedenen Perioden zu fungieren begannen. Es scheint, dass die Trennung am frühesten in Rom Tatsache geworden ist, wo Neron die Bekenner Christi des Brandes im Jahr 64 beschuldigte, wobei er sie nicht mit Juden identifiziert hat. In den Augen der römischen Behörden wurden die beiden Religionsgruppen am Anfang des 2. Jh.s auseinander gehalten. Beweis dafür ist die Sache mit Fiscus Iudaicus, der Steuer, mit der die Christen schon damals nicht mehr belastet wurden, sowie die Verfolgungen. Die von Vespasian nach der Zerstörung des Tempels auf Juden auferlegte Steuer wurde auch von seinem Sohn Domitianus (81–96) erhalten und umfasste auch diejenigen, die „auf jüdische Weise“ gelebt haben sowie diejenigen, die ihre jüdischen Wurzeln verleugnet haben. Zu der ersten Gruppe hat man nicht nur die Bekenner Christi gezählt, die aus Judaismus stammten (obwohl man sie auch für diejenigen hielt, die ihre jüdischen Wurzeln abgelehnt haben), sondern wahrscheinlich auch die Heidenchristen. Seit dem Nachfolger von Domitianus, Nerva (das Jahr 96) wurden die Christen von Fiscus Iudaicus befreit. Die gegen Christen gerichteten Verfolgungen waren den Juden nicht zuteil, und umgekehrt. Nach dem Aufstand von Bar Kochba (132–135) hat sich die Politik des Imperiums gegen Juden gerichtet (jüdischer Märtyrer ist der berühmte Rabbi Akiba geworden), wobei die Christen ausgelassen wurden. Bar Kochba dagegen verfolgte Christen aus diesem Grund, dass sie Messias in Jesus, und nicht in ihm selbst gesehen haben.

In Palästina haben die Juden und die Christen sich selbst nach der Gründung der Akademie in Jawne, also nach dem Jahr 90, als zwei völlig getrennte Religionsgemeinschaften betrachtet. Sowohl der Talmud von Jerusalem, als auch der von Babylonien bestätigen, dass das minim-Segen eben in dieser Periode aus dem Gebet der „Achtzehn Segen” entstanden ist. Es gibt keine Quellen aus Palästina in dieser Zeit, die die Anwesenheit der Christen in typisch jüdischen (ethnisch gesehen) Gemeinschaften des Judaismus bestätigen würden. Es gibt auch keine Quellen, den gemäß es in den Gemeinschaften der Heidenchristen (es ist immer noch die Rede von Palästina) Judenchristen gäbe (es sei denn, dass sie den Judaismus ganz abgelehnt haben). Dagegen außerhalb von Palästina treten im 2. und 3. Jh. immer mehr kritische Stimmen gegen diese Christen auf, die zu „jüdisch” in ihren Überzeugungen und Praktiken erscheinen (Synagogen am Sabbat besuchen, die mit der rituellen Reinheit verbundenen Bräuche pflegen, besonders koschere Speisen essen).

(6) Es wäre ein Irrtum zu denken, dass der Prozess der Trennung von den Wegen des Judaismus und des Christentums plötzlich beschleunigt würde, als die Nachricht von Christus die Grenzen von Palästina überschritten hat und die Mission der Kirche sich unter Heiden intensiv zu entwickeln begann. Die ersten Gemeinden der Heidenchristen gehen in die Zeit der Synagogen der Diaspora zurück. Aussagekräftiges Beispiel dafür ist die Tätigkeit des hl. Paulus, der die Verkündung der Guten Nachricht fast immer während der Versammlung in der Synagoge initiierte. Jedoch sogar dort, wo das Christentum ohne Miteinbeziehung der lokalen Synagogen kam, brachte es mit sich seine jüdischen Wurzeln. Die Heiden, die Christus aufgenommen haben, mussten also dem Judaismus begegnen, in dessen Schoss die Kirche entstanden ist. Die Einstellung der neu entstehenden christlichen Gemeinden dem Judaismus gegenüber hing größtenteils von deren Gründern ab. In manchen Gemeinschaften hat man die judaistischen Wurzeln der Religiosität der Kirche stärker, und in anderen weniger intensiv betont.

Es ist wahr, dass die Kirche ziemlich schnell mit diesen Judenchristen fertig wurde, die den Bekennern Christi das Gebot der Beschneidung, Sabbatfeier und Befolgen der Speisegesetze aufzwangen, sie wollte und konnte sich jedoch nicht von der Heilungsgeschichte distanzieren. Die Gestalten von Abraham, Mose oder Jesaja waren für die Christen genauso wichtig wie für die Juden, jedoch aus anderen Gründen. Der Judaismus ist also sowohl in Palästina als auch außerhalb von hier ein gewisser Faktor der Autobeschreibung der eigenen Identität durch die Bekenner Christi geblieben. Die Mitglieder der Kirche haben den Glauben an Christi in heidnischen Gemeinschaften nicht ohne Bezug auf den Judaismus verkündet. Einerseits zeigten sie den „Wahrheitsgehalt” der Religion des (biblischen) Israels, andererseits machten sie die Empfänger der Guten Nachricht dessen bewusst, dass viele Juden Christus abgelehnt haben.

(7) Am Beginn der vorliegenden Forschungen ist man von zwei einleitenden Annahmen ausgegangen, nämlich dass die Trennung der Wege von der Kirche und der Synagoge kein einmaliger Akt, sondern langwieriger und komplizierter Prozess war sowie dass eine wichtige Rolle in diesem Prozess die Judenchristen gespielt haben. Nach den durchgeführten Analysen kommen wir zu dem Schluss, dass die zweite Annahme – obwohl sie ganz sicher richtig ist und aufrechterhalten werden soll – präzisiert werden muss. In der Forschungsliteratur werden als „Judenchristen” diese Bekenner Christi aufgefasst, die aus dem Judaismus stammten und als Juden die Gute Nachricht und die Taufe aufgenommen haben, wodurch sie in die Reihen der Kirche eingetreten sind (obwohl dieser Begriff manchmal andere Bedeutungen hat; siehe Punkt 12). Die durchgeführten theologischen und historischen Analysen haben viele damit verbundene Nuancen zum Tageslicht gebracht. Es zeigt sich nämlich, dass es solche Judenchristen gab, die mit dem Praktizieren der Gesetze des Rechtes von Mose fast ganz aufgehört haben (Beschneidung, Sabbatfeier, Speisegesetze von Kaschrut), aber auch solche, die, an Christus glaubend, immer noch jüdische Sitten und Bräuche behalten haben. In dieser Perspektive haben auch die aus dem Heidentum herkommenden Judaizanten eine wichtige Rolle gespielt. Obwohl sie die heidnische Gemeinschaft verlassen und sich der christlichen Gemeinde angeschlossen haben, haben sie nach der Berührung mit dem neuen Glauben Judaismus entdeckt und neigten zu ihm manchmal sogar mehr als die Judenchristen. Verschiedene Gemeinschaften, deren Mitglieder Judenchristen oder / und Judaizanten waren, haben sich außerdem durch stärkere oder schwächere Bindung an jüdische Tradition, Bräuche und Gesetze gekennzeichnet.

Die Intuition von Annette Yoshiko Reed, dass man in vielen Fällen statt vom „Judenchristentum” eher von den Christen sprechen soll, die sich mehr oder weniger an die jüdische Art des Praktizierens des Glaubens gebunden fühlten, scheint hier also durchaus richtig zu sein. Dies bedeutet, dass die an jüdische Gesetze gebundenen Bekenner Jesu ihnen in unterschiedlichem Grad treu geblieben sind. Mehr noch, sie sind aus der religiösen Bühne der antiken Welt gar nicht so schnell verschwunden wie man es in den Forschungen noch vor kurzem hielt. Die Erforscher der parting of the ways-Frage konzentrierten sich prinzipiell auf christlich-jüdische Beziehungen im Mittelmeerbereich, also auf den Gebieten, wo die griechisch-hellenistische und römische Kultur herrschte. Das Christentum entwickelte sich jedoch nicht nur westlich von Palästina. Die Bekenner Christi haben genauso schnell die Gute Nachricht nach Osten gebracht, in die Regionen, in den die semitische Mentalität vorherrschte. Dort, besonders in Syrien, haben die judenchristlichen Gemeinschaften ihre Tätigkeit viel länger als in Europa entfaltet; manche von ihnen überdauerten sogar bis zum Anfang des 4. Jh.s.

(8) Man kann nicht mehr die These verfechten, dass die Milieus von der Kirche und von der Synagoge bereits am Anfang der Verkündung der Guten Nachricht gegeneinander unfreundlich gesinnt waren. Zwar kann man die Spannungen zwischen ihnen fast direkt nach dem Tod und der Auferstehung Christi beobachten und sie sind gewissermaßen Fortsetzung dieser Stellung, die der offizielle Judaismus in Palästina Jesu gegenüber genommen hat. Da Jesus von vielen Juden abgelehnt wurde, soll es nicht wundern, dass eine ähnliche Abstoßung Seinen Jüngern zuteil wurde, die die kirchliche Gemeinschaft bildeten. Das Evangelium wurde jedoch anfangs unter den Juden verkündet, und dazu in Synagogen, deren Führer im 1. Jh. grundsätzlich diejenigen waren, die aus dem Stamm von Levi kamen. Auch die christliche Mission unter Heiden begann oft im Kreis der Synagoge, in die nicht nur Juden, sondern auch Proselyten und Gottesfürchtende gingen. Eben von den Synagogen der Diaspora ging der Funken aus, der das Feuer des Glaubens an Christi unter den Bekennern der griechischen Religion angezündet hat. Die Situation hat sich am Ende des 1. Jh.s geändert, nach der Gründung der Akademie in Jawne und der Verbreitung von birkat ha-minim. An der Spitze der Synagogen standen damals prinzipiell die Rabbiner größtenteils aus dem Pharisäerkreis, dagegen nach der Zerstörung des Tempels hat das Priestertum an Bedeutung verloren. Die Polarisierung der gegenseitigen Bezugnahmen von der Kirche und der Synagoge als Milieus, die gegeneinander unfreundlich eingestellt waren, nimmt am Anfang des 2. Jh.s zu. Anachronismus ist deshalb die Schilderung der gegenseitigen Feindseligkeit der beiden Religionsgemeinschaften bereits im 1. Jh.

(9) Als die Trennung zwischen dem Judaismus und dem Christentum Tatsache geworden ist, bedeutet es nicht, dass die Bekenner Christi aufgehört haben, miteinander zu sprechen, sich gegeneinander zu überreden oder die innerhalb von beiden Religionen entstehenden schriftlichen Werke zu beeinflussen. Die christliche Literatur schon nach der Herausbildung von beiden Religionen ist voll von Bezugnahmen auf jüdischen Glauben. Fügen wir hinzu, dass diese Bezugnahmen oft Reaktion auf die Schriften oder die von Juden geäußerten Ansichten waren. Ähnlich war es mit der rabbinischen Literatur; wir finden darin – zwar sehr wenige – Bezugnahmen auf die Ansichten der Christen, und diese Bezugnahmen scheinen Reaktion auf die von Bekennern Christi geäußerten Überzeugungen zu sein. Diese Anmerkungen, sowohl in den Schriften christlicher, als auch jüdischer Provenienz, weder bestätigen noch verleugnen den Prozess des Voneinandergehens der Kirche und der Synagoge. Sie sind einfach ein Zeugnis dafür, dass die Christen und die Juden nicht aufgehört haben, miteinander zu reden oder zu diskutieren, sogar damals, wenn ihre religiösen Wege bereits getrennt verliefen. Ausgezeichnetes Beispiel für eine polemische Schrift aus der Zeit, als deren Verfasser keinen gemeinsamen Weg für die Kirche und die Synagoge mehr gesehen hat, ist Dialog mit dem Juden Tryfon von Justin dem Märtyrer. Die kurz vor der Mitte des 2. Jh.s entstandene Schrift bezeugt (worauf bereits der Titel selbst verweist) die Anwesenheit des Dialogs zwischen den Gläubigen des Christentums und des Judaismus. Gleichzeitig gewinnt der Leser einen unwiderlegbaren Eindruck, dass er für diese Periode bereits mit zwei getrennten Religionen zu tun hat.

(10) Ein auffallendes Merkmal der rabbinischen Literatur des 2. und 3. Jh.s sind fast ganz mangelnde Anmerkungen betreffs Jesus und Christentum, was schon oben bemerkt wurde. Diese lediglich einige zehn Anmerkungen, in der vorliegenden Bearbeitung diskutiert, schildern ein durchaus negatives Bild dessen, wer Jesus war und wer Seine Anhänger waren. Es wäre jedoch ein Irrtum zu denken, Christentum sei ein der Hauptthemen der Rabbiner. Manche sind überzeugt, dass es im Judaismus des 2. und 3. Jh.s eine gewisse Mauer des Schweigens zum Thema Christentum gab. Das Argument ex silentio kann von Bedeutung sein, wenn man den ungewöhnlichen Wert der mündlichen Tradition in Betracht zieht, welche doch durch den rabbinischen Judaismus kultiviert wurde. Das Schweigen betreffs des Christentums und dessen Gründers, betreffs der sich dynamisch entwickelnden Kirche wundert noch mehr, wenn man berücksichtigt, dass es mehrere Abschnitte der rabbinischen Literatur gibt, die über Beziehungen mit römischen Behörden, über das Götzendienst und sogar die Art und Weise handeln, wie man in dem bereits seit Jahrzehnten nicht mehr existierenden Tempel Opfer bringen soll. Man könnte vielleicht aufgrund der jüdischen Literatur den Eindruck gewinnen, dass sich die Rabbiner fast überhaupt nicht für die immer weiter verbreitete Gute Nachricht von Jesu interessieren, einem Juden, in dem mehrere Leute Messias gesehen haben. Man weiß jedoch von anderswo, dass die Dispute zwischen den jüdischen Weisen und christlichen Theologen gar nicht selten waren. Interessant ist, dass die Widersacher der Rabbiner fast hundertprozentig Judenchristen waren, weil die Juden die aus heidnischen Religionen stammenden Christen für Polytheisten hielten, also Personen, mit den man keine Verständigungsebene findet. Viele Midraschim, obwohl sie die Christen nicht nennen, scheinen außerdem eine jüdische Antwort auf die christliche Interpretation der Hebräischen Bibel zu sein.

(11) Zur Schilderung der Trennung der Wege vom Christentum und Judaismus bis zur Herausbildung von zwei separaten Religionen scheint immer mehr nützlich das Modell zu sein, dem gemäß der lebendige Austausch der Gedanken und Ansichten, manchmal mit einer scharfen Konfrontation verbunden, in der Anfangsperiode vom Auftreten unterschiedlicher Interpretationen der bisherigen gemeinsamen religiösen Erbe stattfindet. Als die Gemeinschaften erstarkten und ihre Identität klar definiert haben, begann die Periode der scharfen Polemik, die noch – wie noch vor kurzem viele Forscher dachten – keine Polemik zwischen den Religionen, sondern eine innerhalb der Religion, und oft auch innerethnische Polemik war. Die gegenseitige Kritik richtete sich gegen eigene Bekenner. Erst als sie keine zu erwartenden Ergebnisse gebracht hat und die beiden Gemeinschaften ihre Identität immer mehr befestigt haben, kam es zur Abschwächung, und manchmal zum Erlöschen der gegenseitigen Debatten.

Die Herausbildung von zwei getrennten Religionsgemeinschaften aus dem biblischen Judaismus beruht nicht nur auf theologischen Faktoren. Weder die Auffassung der Rolle der einzelnen Gesetze, noch die Anwesenheit der Personen heidnischer Herkunft in den Synagogen, auch nicht die Frage nach der messianischen Würde Jesu war genügender Grund zur endgültigen Trennung des Christentums und des Judaismus. Solche theologischen Unterschiede haben zwar Spannungen verursacht, es waren jedoch immer Konflikte innerhalb von einer Religion. Ähnliche Phänomene sind auch vor dem Jahr 70 im Judaismus zu beobachten und sie haben zur Gründung der neuen Religionsgemeinschaft nicht geführt. Erst das Überschneiden von theologischen Faktoren und der sozial-politischen Lage bildete die Umstände zur Herausbildung von zwei Religionen aus einem Stamm. Eine bedeutende Rolle unter den sozial-politischen Faktoren spielten zwei jüdische Kriege. Während des ersten von ihnen ist das allgemein bekannt geworden, was für die Christen gleich nach der Auferstehung Christi klar wurde, nämlich die Tatsache, dass die Bekenner Christi die Rolle des Kults im Jerusalemer Tempel abgelehnt haben; während des zweiten Krieges (des Aufstands von Bar Kochba) haben die Juden, indem sie den Aufstandsführer zum Messias ernannt haben, ihre Überzeugung zum Ausdruck gebracht, dass Jesus von Nazareth kein Messias war.

(12) Die Forschungen über die Herausbildung von zwei getrennten Religionen aus dem biblischen Judaismus stoßen in methodologischer Hinsicht auf gewisse terminologische Schwierigkeiten. Die Forscher, sowohl in wissenschaftlichen Studien als auch in populärwissenschaftlichen Bearbeitungen, benutzen die Bezeichnungen „Judenchristentum / Judenchrist”, „Judaizantes”, „jüdisches Christentum” (eng. Jewish Christianity) und „christlicher Judaismus” (eng. Christian Judaism) nicht eindeutig. Die Unterschiede bei der Auffassung dieser Begriffe durch einzelne Autoren sind sehr groß. In manchen Arbeiten werden unter dem Begriff „Judenchristen” Juden verstanden, die getauft wurden und in die Kirche eingetreten sind; in anderen geht es sogar um Christen jüdischer Herkunft (Ethnochristen), die zum Befolgen der jüdischen Praktiken neigten. In diesem zweiten Fall gibt es keine klare Grenze zwischen „Judenchristen” und „Judaizantes” („Judaisierenden”).

Auch im Fall von „Judaizantes” ist die Auffassung von Identität nicht eindeutig. Manche Autoren sehen hier nur diejenigen Christen, die aus dem Judaismus stammen und jüdische Bräuche behalten wollen, andere wollen in diesem Kreis auch Bekenner Christi jüdischer Herkunft sehen. Auf ähnliche Probleme stößt der Leser, wenn er bemerkt, wie verschieden die Forscher Begriffe „jüdisches Christentum” und „christlicher Judaismus” (grundsätzlich in der englischsprachigen Literatur verwendet) benutzen. Geht es im ersten Fall um christliche Gemeinschaften jüdischer Provenienz oder um jüdische Wurzeln des Christentums? Ist der „christliche Judaismus” Religion der sog. messianischen Juden? Die weiteren Forschungen zu parting of the ways sollen sich mit diesen terminologischen Schwierigkeiten befassen, damit methodologische Fragen geordnet werden.

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Fast ganz unberührte Frage im Themenkreis parting(s) of the ways liegt außerhalb von chronologischem Rahmen und bezieht sich auf die Identität der heutigen Gemeinschaften der sog. messianischen Juden. Sind sie Juden oder Christen? Vielleicht gehören sie zu den beiden Gemeinschaften? Oder ist vielleicht die Frage nach deren exklusiver Zugehörigkeit zu einer der Religionen einfach falsch gestellt? Als Edith Stein, Karmeliterin und die heutige Schutzherrin Europas mit dem Zug nach Auschwitz-Birkenau gefahren wurde, war sie sich dessen bewusst, dass sie Opfer wegen der Angehörigkeit zu ihrer Nation bringt. Wie kann Izrael Zolli, der Hauptrabbi von Rom seine religiöse Identität bezeichnen, wenn sich ihm 1944 Christus selbst offenbart hat (unabhängige Offenbarung hat in derselben Zeit seine Frau erlebt) und er gleich danach getauft wurde? Als Rabbi Jakub Rabinowitz 1969 in Pasadena an Jesu als Messias zu glauben begann, nannte er sich immer noch ein „Jude”, fügte aber hinzu, dass er nach diesem Ereignis „vollständiger Jude” geworden ist. War auch eine der größten Autoritäten des Judaismus unserer Zeit, Mystiker und Visonär Icchak Kaduri, der am Ende seines Lebens (er ist 2006 im Alter von 106 Jahren gestorben) behauptete, dass er in übernatürlichen Visionen Messias namens Jesus gesehen hat, auch Christ?

Sind die heutigen Juden, die jeden Sabbat in der protestantischen Kirche am Jaffator im Zentrum von Jerusalem Jesus lobsingen, Juden oder eher Christen? Oder sind vielleicht die Kategorien „Christentum” und „Judaismus” – wie es Daniel Boyarin will – parallel zu den Kategorien „rot” und „hoch”, also sie schließen sich gegenseitig nicht aus? Kann man im Fall von heutigen Juden, die an Jesu-Sohn Gottes und Messias zu glauben anfingen, überhaupt von der Trennung der Wege der Kirche und der Synagoge sprechen? Oder soll man vielleicht – ohne es weiter zu erwägen – die Meinung von Paulus annehmen: „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid >>einer<< in Christus Jesus” (Gal 3,28)?

                                                                                                         übersetzt von Joanna Rosik

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ks. Mariusz Rosik